» zur Übersicht Schmalkalden
    
    
Artikel
 

Schrift vergrößern Text    Schrift verkleinern Text   
"Damit sie nicht verlorengehen"

Schmalkalden will die Erinnerung an die ermordeten jüdischen Mitbürger bewahren
  • m_Stein_des_Gedenken_031109_1 Stein des Gedenkens: Erinnerung an Paula Valk.
     
  • m_Stein_des_Gedenken_031109_2 Vor der Verlegung: Peter Handy (2. v. l.) mit Bürgermeister Thomas Kaminski (r.) und anderen Projektbeteiligten.
     
Bild von

Schmalkalden - Groß ist die jüdische Gemeinde in Schmalkalden nie gewesen, aber es hat sie gegeben. Es haben Frauen, Männer und Kinder jüdischen Glaubens in der Stadt gelebt, geliebt und gearbeitet. "Fast alle", sagt Peter Handy, "haben ein schreckliches Schicksal erlitten" - sie sind während der NS-Zeit verfolgt, gequält, deportiert, ermordet worden. Vergessen sollen sie nicht werden, erklärt der Vorsitzende des Vereins für Schmalkaldische Geschichte und Landeskunde. Am 9. November, am Jahrestag der Reichspogromnacht 1938, werden die ersten "Steine des Gedenkens" in der Stadt gesetzt. Sie sind sichtbare kleine Erinnerungen an jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger und ihre Namen - "damit sie nicht verlorengehen", sagt Peter Handy.

Angeschoben hat das Projekt, vor Längerem schon, der Schmalkalder Kurt Pappenheim, dessen Vater Ludwig 1934 im KZ ermordet wurde, erzählt Peter Handy. Kurt Pappenheim, der unermüdliche Mahner und Aufklärer über die Nazi-Zeit, habe eine Beteiligung am Projekt des Kölner Künstlers Gunter Demnig vorgeschlagen - in vielen Städten in Deutschland sind dessen "Stolpersteine" verlegt worden. Viele Tausend der kleinen Betonwürfel mit Messingplatte sind inzwischen vor den letzten frei gewählten Wohnorten von NS-Opfern - nicht nur der Juden, auch der anderen von den Nazis verfolgten und ermordeten Menschen - in den Boden gesenkt worden. Ebenerdig - stolpern sollen nur Auge und Verstand.

Kritische Stimmen hat es in den vergangenen Jahren häufig gegeben - mitnichten nur von Menschen, die zur Gruppe der Leugner, Ewiggestrigen oder Schlussstrichzieher gehören. Auch innerhalb der jüdischen Gemeinden in Deutschland waren nicht alle mit einer Form der Erinnerung einverstanden, die auch den Gedanken an Namen, die mit Füßen getreten werden, zulässt.

In Schmalkalden, sagt Peter Handy, habe es keine offen bekundete Ablehnung gegen die Steine gegeben, "gar nicht". Allerdings sei man sich mit Gunter Demnig nicht einig geworden. Der Bürgermeister habe den Kontakt mit dem Stolpersteine-Künstler gesucht, der aber "hat Bedingungen gestellt" - die Stadt Schmalkalden solle sich zunächst mehr mit ihrer Geschichte befassen. "Ein ärgerlicher Vorwurf", befindet Peter Handy, "wir waren stocksauer."Das Nicht-zur-Kenntnis-Nehmen der diversen Ausstellungen, der Schülerprojekte, der Veranstaltungen habe die Vorstellung, "dass das Setzen dieser Steine hier unkompliziert ist", beendet. Nach einem zweiten erfolglosen Kontakt mit Gunter Demnig habe der Beirat für die Stadtgestaltung entschieden, Form und Gestaltung der Erinnerung an die Schmalkalder Juden in die Hände des Vereins für Schmalkaldische Geschichte und Landeskunde zu legen. Fördergeld war bereits beantragt, Spender waren geworben worden - "also haben wir einen eigenen Weg suchen müssen". Gefunden habe man die "Steine des Gedenkens", die aus Waren/Müritz in Mecklenburg-Vorpommern kommen. Es handle sich um eine andere Variante der Idee, erklärt Peter Handy, "ein anderes Format, einen anderen Text, eine andere Gestaltung". Nach einer kurzen Auseinandersetzung mit Gunter Demnig habe man klären können, dass mit der Verlegung der Steine keine Urheberrechte verletzt würden.

"Und wir gehen auch davon aus, dass wir niemanden verletzen oder in seinen Rechten beschädigen", sagt Peter Handy. Man habe in der Alternativ-Variante "den einfachsten Weg gesehen", das Projekt zu verwirklichen. Die "Steine des Gedenkens" seien, mit Unterstützung des Stadtrats, des Altstadtbeirats und der Ausschüsse, längst bestellt gewesen, als ein Brief des Thüringer Verbandes der Verfolgten des Naziregimes/Bund der Antifaschisten beim Geschichtsverein eingegangen sei. Die Botschaft: Man unterstütze Gunter Demnigs Stolpersteine und halte die Alternative für "politisch und moralisch nicht gut". Eine Botschaft, die Peter Handy mit einem Seufzen kommentiert: "Wir wollen niemandem wehtun", sagt er. Aber es müsse doch "um die Sache gehen, nicht um die Form".

Am 9. November werden die ersten drei "Steine des Gedenkens" vor dem Haus Altmarkt 3 verlegt. Sie tragen die Namen von Sara und Hugo Rosenthal und deren Tochter Paula, verheiratete Valk (siehe oben). Thomas Kaminski, Bürgermeister in Schmalkalden, werde über das Leben und Arbeiten der jüdischen Bürger in der Stadt, auch über die ermordete Familie Rosenthal-Valk, sprechen, das Gedenken am Jahrestag der Reichspogromnacht gelte allen Opfern der nationalsozialistischen Diktatur.

In einem Jahr, am 9. November 2010 sollen die nächsten Steine gesetzt werden - in der Mohrengasse und auf der Salzbrücke, entsprechend dem Fortgang der Stadtbodensanierung. 41 Namen von Schmalkalder Juden, die eine Widmung bekommen sollen, habe man bisher zusammengetragen, sagt Peter Handy.

Der Geschichtsverein hofft, dass sich weitere Spender finden, die sich an dem Projekt beteiligten - 130 Euro kostet ein "Stein des Gedenkens". Und vor allem suche man noch Paten, die bereit sind, ein paar Mal im Jahr die Steine zu säubern, erklärt Peter Handy - "schön wäre, wenn sich Schüler darum kümmern würden". Und eine weitere Generation dafür sorgte, dass die ermordeten Schmalkalder nicht vergessen werden. m

    
    

Diesen Artikel

  • Teilen:
  •  
  • Facebook
  •  
  • MySpace
  •  
  • Twitter
  •  
  • StudiVZ / MeinVZ
  •  
  • Google
  •  
  •  
Bewertung: 
  •  
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
0 Bewertungen (Sie müssen angemeldet sein)
    
    

Die neuesten Kommentare

Es wurden noch keine Kommentare geschrieben...
Zum Kommentar abschicken bitte vorher einloggen
Benutzername
Passwort
 
     
Sie sind noch kein Mitglied auf insuedthueringen.de? Dann jetzt gleich »hier registrieren
    
    

Ȇbersicht Schmalkalden

Heiko Gerull will Bürgermeister werden

Bis Dienstagmittag lagen der Breitunger Wahlleiterin die Unterlagen eines Bürgermeisterkandidaten vor. Es sind die eines Überraschungskandidaten: Heiko Gerull vom Verein "Gervina". »mehr
    
    

 
Freiwillig, aber keineswegs umsonst

Engagement im Kulturbereich für ein Taschengeld und wertvolle Erfahrungen: Seit September 2011 absolviert Maximilian Grä... »mehr
    
 
    

 
280 Kilo über dem Feuer

Geschmückt wie ein Pfingstochse lautet eine Redensart - in Breitungen ist er vor allem eines: sehr lecker. »mehr
    
 
    

 
Führerschein nur noch in Dreißigacker

Seit Anfang April ist die Schmalkalder Außenstelle der Fahrerlaubnisbehörde geschlossen. Zulassungen, Um- und Abmeldunge... »mehr
    
    

Das könnte Sie auch interessieren 

    
    

Party

 
    

Nachrichten

 
    

Sport

    
    

Magazine

Stadtfest Ilmenau 2012
Leserreisen 2012
Gästezeitung Thüringer Wald
Bikers Guide 2012
Landesgartenschau 2012
t-wood 2012
Bikers Guide 2012
Gesundheitsforum März 2012
Gesundheitsführer Hildburghausen
Sportkalender HBN 2012
Thüringen im Blick
FH-Schmalkalden
Sportkalender Suhl 2011
Gesundheitsführer Schmalkalden
Anpfiff FW/STZ
Anpfiff FW
Gesundheitsführer Suhl
    
Anzeige
    

Umfrage

Lade TED
 
Die Umfrage wird geladen, bitte warten...
 

    
    

Deutschland hat im Ostseerat den Hut auf

Deutschland führt zur Zeit eine wichtige Gruppe an: den Ostseerat. Unser Land hat seit fast einem Jahr den Vorsitz, deshalb ist Bundeskanzlerin Angela Merkel diese Woche auch die Gastgeberin beim Ostseerats-Gipfel in Stralsund. »mehr
    
    

Webcams aus der Region 

Eine Vielzahl von Webcams, die von Firmen, öffentlichen Einrichtungen oder Privatpersonen installiert wurden, zeigen aktuelle Bilder aus der Region. »mehr
    
    

Silly wird die Suhler Schwarzbiernacht rocken 

Mit dem Liveprogramm zur Erfolgsplatte "Alles rot" eröffnen Anna Loos und Silly am Pfingstsamstag, 26. Mai, die Suhler Schwarzbiernacht. Ab sofort gibt es die Karten. »mehr
    
    

Börseninformationen