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Bei Wind und Wetter unterwegs

Ob Sturm oder Regen, ob Glatteis oder Schnee: Die Zusteller von FW Meininger Tageblatt sind Wind und Wetter ausgesetzt und müssen zumeist noch in der Dunkelheit die druckfrischen Exemplare ihrer Heimatzeitung austragen.

Von Kerstin Hädicke
  • Gabriela Hofmann mit Hund Pakros. Ihre Arbeit als Zustellerin beginnt täglich 3.30 Uhr. Gern kommt sie ins Verlagsgebäude der Meininger Mediengesellschaft, wo gegenüber den Vertriebs-Büros eine unterdessen historische Bleisatzmaschine (im Hintergrund) auf die Geschichte der Zeitungsherstellung hinweist. Foto: Kerstin Hädicke
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Meiningen - Gabriela Hofmann ist Zustellerin bei FW Meininger Tageblatt. Die 56-Jährige aus Meiningen weiß, was es heißt, bei Wind und Wetter "auf die Straße" zu müssen, sich Rutschpartien bei Blitzeis auszusetzen, wenn andere keinen Fuß vor die Tür zu setzen wagen. "Doch die Leute wollen ja pünktlich ihre Zeitung im Briefkasten haben! Bis spätestens 6 Uhr sind alle Exemplare verteilt, das habe ich in all den Jahren so gehalten", betont Gabriela Hofmann.

Nichts für Morgenmuffel

3.30 Uhr klingelt montags bis samstags unbarmherzig der Wecker, springt die Zustellerin aus dem warmen Bett und kleidet sich zwiebelschalenmäßig ein. Vor allem in den letzten Wochen ein unbedingtes Muss, denn ein Spaziergang war das Zeitungsaustragen bei minus 20 Grad nun wahrlich nicht. "Nur mit den Händen, das ist so eine Sache. Denn Zeitungs- und Briefeaustragen funktioniert mit Handschuhen nicht. Da hatte ich in den letzten Wochen schon einige Male das Gefühl, die Finger frieren mir ab."

3 Uhr liegen Zeitungen und Post bereits in der speziellen Zeitungskiste an Gabriela Hofmanns Haus. 60 bis 70 Zeitungen täglich und zwischen 30 bis 180 Briefe. Denn die moderne Zustellerin von heute ist gleichzeitig auch die vielbesungene "Christel von der Post", nur dass eben nicht die Post, sondern die Meininger Mediengesellschaft ihr Arbeitgeber ist. Nach 20 Minuten des Sortierens und Umpackens in den Zeitungswagen beziehungsweise die Brieftasche beginnt der Gang ins Kalte. Der vierjährige Schäferhund "Pakros von der roten Matter" ist immer mit von der Partie. "Er ist mein treuer Begleiter. Und wenn es Sonntag ist, dann stubst er mich zur wochentäglichen Aufstehzeit an und meint wohl, ich habe es verschlafen. Dann streichle und beruhige ich ihn: Nein, heute dürfen wir ausschlafen", gibt Gabriela Hofmann zum Besten.

Ihre Tour führt sie zur Henneberger Straße, in die Seegärten, in die Schiller- und Nachtigallenstraße bis zur Kreuzbergschänke. Und steil hinauf in die Baumbachsstraße, die der temperamentvollen Meiningerin dieser Tage beinahe zum Verhängnis geworden wäre. "Als ich losging, waren die Wege noch eisfrei. Deshalb hatte ich meine Spikes für die Schuhe nicht mit im Gepäck. Doch dann überraschte mich das Blitzeis und ich hatte große Not, vom Baumbachs-Berg wieder herunter zu kommen", erinnert sich die Zustellerin. So hangelte sie sich an den Sträuchern am Wegesrand auf ebenes Terrain hinab. Selbst Hund Pakros konnte sich trotz seiner vier Beine eine Rutschpartie nicht ersparen.

Beißen bellende Hunde?

Bellende Hunde beißen nicht, weiß der Volksmund. Hat die Zustellerin dennoch schlechte Erfahrungen mit bissigen Hunden gemacht? "Es gibt auf mehreren Grundstücken entlang meiner Tour Hunde. Doch die meisten sind im Haus oder im Zwinger." Am Hosenboden habe sie noch nie ein Vierbeiner geschnappt. Vielleicht auch Pakros sei Dank, denn der Rüde wirkt durch seine Größe schon ziemlich Respekt einflößend.

So auch vor Jahren, als ein betrunkener Jugendlicher mit einer Zaunlatte auf sie zukam. Ein bedrohlicher Anblick. Doch als der potenzielle Schläger den Hund sah, "lief er an mir vorbei". Von ähnlichen Erlebnissen berichtet Gabriela Hofmann aus Zeiten, als die Disko in der Kart-Arena noch zum Tanzen und Trinken lud. "Seitdem die geschlossen ist, begegnen mir selten Betrunkene und Krakeeler. Und mit meinem Hund fühle ich mich sowieso sicherer. Er merkt schon lange vor mir, wenn irgendwo was ist. Dann spitzt er die Ohren und wird noch ein Stück größer, als er sowieso schon ist", schmunzelt die Zustellerin.

Vom "frühen Vogel"

Und weil es heißt, "der frühe Vogel fängt den Wurm", sind es auch Gabriela Hofmann und ihre 169-Zustellerkollegen zwischen Rhön und Grabfeld, die Dinge mitbekommen, die "vor dem Aufstehen" geschehen ... So wurde die Meiningerin vor geraumer Zeit von einem Aufgebot an Polizei und Rettungskräften in der Henneberger Straße überrascht. Wie sich herausstellte, lag dort ein Toter auf dem Weg. "Ich habe den Toten zwar nicht gesehen, doch ein komisches Gefühl war das schon."

Zwischen 5.30 und 6 Uhr ist die Zustellerin wieder zu Hause, dann gibt es Frühstück. Und der Bäcker in der Nachtigallenstraße reagiert auf Klopfen, wenn es Gabriela Hofmann nach frischen Brötchen gelüstet.

Jobsuche

Gabriela Hofmann ist gelernte Wirtschaftskauffrau. "34 glückliche Jahre habe ich im Meininger Auktionshaus für Briefmarken und Münzen gearbeitet." Einst dem Konsum der DDR zugehörig, wurde das Auktionshaus 1992 privatisiert. "Und als mein Chef am 1. Mai 2006 in Rente ging, fing für mich mit 51 Jahren die Suche nach einem neuen Job an. Kein schönes Unterfangen. Wenn ich zum Arbeitsamt ging, dann fühlte ich mich behandelt wie irgend ein arbeitsunwilliges Geschöpf."

Für Gabriela Hofmann ist es schlimm, wenn man mit Arbeitsunwilligen auf eine Stufe gestellt wird. "Aber dann gab es die Anzeige im Tageblatt, dass Zusteller gesucht werden. So trat ich am 1. Juli 2006 meine neue Arbeit an. Freilich finanziell ein Unterschied wie Tag und Nacht zum Auktionshaus. Aber in meinem Alter findet Frau wohl eher selten einen Ganztagsjob. Ich griff also freudig zu. Ich bin gern Zustellerin. Das ist allemal besser, als nicht mehr aus dem Bett zu kommen und geistig abzustumpfen!", macht sie klar.

Dennoch, die Welt des Auktionshauses lebt in Gabriela Hofmann fort. Mit lachenden Augen berichtet sie über einen älteren Herrn, der stets mit dem Zug zur Auktion fuhr und das Geld immer in seinen Schuhen versteckte. "Dementsprechend rochen die Geldscheine noch, wenn ich sie in die Kasse einsortierte." Oder der Herr, der für eine Goldmünze 26 000 DDR-Mark auf den Tisch des Hauses legte, seine Aktentasche aber mit Stricken zubinden musste. "Der sah so mitleiderregend aus, dass man ihm am liebsten ein Butterbrot geschmiert hätte ..." Ein Buch könnte sie schreiben über all die vielen Erlebnisse. Wer weiß, vielleicht wird es ja irgendwann - in Zusammenarbeit mit ihren anderen Zusteller-Kollegen - auch eines vom Zeitungsaustragen und diesen Geschichten geben.


Zahlen und Fakten

170 Zusteller arbeiten für FW Meininger Tageblatt.

Sie tragen täglich zwischen Rhön und Grabfeld rund 11 000 Zeitungen aus. In ihrem Gepäck befinden sich ebenso mittwochs und samstags der Wochenspiegel sowie dienstags bis samstags Briefe, die den Empfängern zuzustellen sind.

Zwischen 2 und 3 Uhr werden im Hof des Meininger Verlagsgebäudes die frisch gedruckten Zeitungen im Lkw angeliefert, damit sie die sieben Fahrer, die die Zusteller beliefern, in ihre Kleintransporter umladen können.

Zuvor, gegen 23 Uhr, verlässt der leere Zeitungs-Lkw die Region, um pünktlich zum Druckende die Printmedien vom Druckhaus in Erfurt abzuholen. kd


    
    

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