zuletzt bearbeitet: 22.02.2012 09:48 Uhr
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Zukunft liegt im politischen Theater
Meiningen - Das Meininger Theater wurde mit der Generalsanierung des Großen Hauses und dem Einbau der modernsten Technik für die Zukunft fit gemacht. Wie das Haus die neue Herausforderung künstlerisch annehmen will, darüber gibt Intendant Ansgar Haag im nachfolgenden Gespräch Auskunft.
Herr Haag, Sie sprachen von sieben Premieren allein im Januar und Februar im Großen Haus und den Kammerspielen und von der Notwendigkeit, ein neues Repertoire schnell aufzubauen. Warum kommen dann die Wiederaufnahmen von "Tannhäuser", "Käthchen von Heilbronn" und "Vogelhändler" im Großen Haus erst im März, April beziehungsweise Mai?
Weil wir diese Wiederaufnahmen vor allem für die Touristen spielen. Unser hiesiges Publikum hat diese Inszenierungen zumeist schon gesehen. In den Abonnements sind die Stücke alle schon gelaufen. Deswegen müssen wir den Zuschauern aus der Region Neues bieten. Aber genauso wichtig ist natürlich der Tourismus. Bei den Neuinszenierungen stehe ich als Intendant für einen Spielplan, der große Stücke der Oper, des Schauspiels aber auch der Operette und des Musicals unter einem heutigen Blickwinkel auf die Bühne bringt. Fremdenfeindlichkeit und Ausländerhass sind für mich aktuelle zentrale Themen - ob in der "Csárdásfürstin" oder der "Jungfrau von Orleans": Die Ausgrenzung anders sprechender, anders denkender, anders handelnder Menschen sollte aus unserer Gesellschaft verschwinden! Ein vereinigtes Europa gibt es nur, wenn wir die europäischen Grenzen in unserem Denken endlich weglassen. Auch mit dem Stück "Ein Inspektor kommt", das im Mai Premiere hat, wollen wir nicht nur dem Fernsehkrimi nacheifern und spannend unterhalten. Die kriminelle Sprengkraft dieses Stückes liegt darin, dass die Arbeiterklasse zum extremen Mindestlohn bezahlt wird und die anderen immer reicher werden. Solche gesellschaftlichen Widersprüche auf die Bühne zu bringen ist meiner Meinung nach die Aufgabe des heutigen Theaters. Unser Weg kann deswegen nur in die Richtung gehen, Theater mehr und mehr politisch zu verankern und auf Inhalte zu setzen. Und wenn wir am Ende dieser Spielzeit das Musical "Hair" über vierzig Jahre nach seiner Uraufführung wieder auf die Bühne bringen, dann wissen wir, dass es für uns heute nicht mehr um Vietnamkrieg geht. Der Krieg in Afghanistan liegt näher. Heute gibt es bei uns keine Wehrpflicht mehr, umso mehr muss sich jeder für sich für oder gegen den Krieg entscheiden. Aber auch der arabische Frühling als großer Umbruch in der Welt ist ein Thema für das Theater.
Was kommt demgegenüber ins Repertoire der Kammerspiele?
Auch da stehen wir vor einer Aufgabe, die zu einem Strukturwandel führen muss - und wird. Die Kammerspiele wurden ja vor der Sanierung des Großen Hauses von vielen Besuchern gar nicht wahrgenommen. Erst als sie während der Schließzeit zur Ersatzspielstätte wurde, ging das breite Publikum hin. Gleich die erste Premiere mit der Uraufführung von Walsers "Ein liebender Mann" wurde ein Riesenerfolg. Plötzlich war der intime Raum beliebt. Das ging weiter mit "I Due Foscari", einer Verdi-Oper, von der gar keiner dachte, dass sie auf der kleinen Bühne funktioniert, die bei uns zum Publikumsrenner wurde. Nach diesen Erfolgen haben wir jetzt das Problem, dass von uns einerseits große Stücke in den Kammerspielen erwartet werden, wir aber andererseits durch die Ensemblestärke Grenzen gesetzt bekommen. Zu DDR-Zeiten war unser Ensemble doppelt so groß. Jetzt spielen wir in Meiningen auf zwei Bühnen und haben das Haus in Eisenach noch dazu zu bespielen. Für die Kammerspiele brauchen wir eine Struktur der kleinen zeitgenössischen Stücke und des Jugendtheaters. Wenn ich zum Ende der Spielzeit "The Rape of Lucretia" von Benjamin Britten in den Kammerspielen inszeniere, dann darum, weil diese Oper für eine kleine Besetzung von 17 Musikern komponiert wurde. In der Repertoireaufbauphase haben wir leichtere Abende in den Spielplan aufgenommen, wie "Hildegard Knef" oder jetzt "Sweet Sweet Smile". Sie sollen ein Übergang zu den zeitgenössischen, politischen Stücken sein. Natürlich wird unser Puppentheater wieder verstärkt die Kammerspiele nutzen. Eine Kooperation zwischen Schauspiel und Puppentheater ist die Uraufführung des Stücks "Decamerone" von Manfred Schild. Es inszeniert Ulrich Kunze.
Warum wurde der "Figaro" in den Kammerspielen trotz ausverkaufter Vorstellungen bis zum Schluss abgesetzt?
Aus dem gleichen Grund, wie ich ihn gerade genannt habe. Denn wenn der "Figaro" in den Kammerspielen aufgeführt wird, kann unser Orchester nicht im Großen Haus spielen. Und wenn es nicht bei uns im Großen Haus musiziert, dann muss es derzeit in Eisenach gastieren. Fakt ist, dass die Besucher vor allem von Freitag bis Sonntag kommen. Deswegen habe ich den "Figaro" in Meiningen erst einmal abgesetzt. Die Produktion hatte gerade in Eisenach erfolgreiche Premiere mit der Landeskapelle. Ich verrate hier aber schon mal, dass wir sie in der kommenden Spielzeit in Meiningen ins Große Haus wiederaufnehmen werden, dann allerdings in italienischer Sprache. Ich glaube, dass diese Inszenierung mit kleinen Bühnenbild-Veränderungen ins Große Haus passt - da gehört sie auch hin, wenn ich an die Publikumsnachfrage denke.
Warum wird dann italienisch gesungen?
Die Zuschauer haben dann die Möglichkeit des Vergleichs, ob die Oper in deutsch oder in italienisch besser klingt. Als Regisseur meine ich, dass das Singen in Originalsprache immer dazu führt, dass die Bedeutung der Musik und des Gesangs höher eingeschätzt wird, als der Gedanke, der dahinter steht. Dazu kommt die Tatsache, dass viele Sänger das Singen in italienischer Sprache besser beherrschen. Wir haben an unserem Haus Mitarbeiter aus 38 verschiedenen Nationen. Beim "Liebesverbot" hatten wir Übertitel, weil Wagner seine Oper so komponiert hat, dass selbst wortdeutliche Sänger die Texte kaum verständlich bringen können. Als Regisseur kam es mir aber darauf an, diese Oper möglichst politisch verständlich zu spielen. Manchen Zuschauern mag ein solches Theater zu platt sein, da gibt es sicherlich Grenzen. Bei "Maß für Maß" wurden sie Richtung politisches Kabarett vielleicht überschritten. Aber aus Gesprächen mit Jugendlichen weiß ich auch, dass die politische Botschaft im Unterricht von Lehrern gern behandelt wird. Deswegen sehe ich darin den Weg, wie Theater in der Zukunft überleben kann.
Interview: Carola Scherzer
Teil 2: Repertoireaufbau und Konzepte
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