zuletzt bearbeitet: 29.09.2009 09:29 Uhr
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"Das ist ein wichtiger Beitrag zur Aufarbeitung der NS-Kulturbarbarei"
"Das verbotene Saxophon" ist eine Dokumentation über Musik, die im Dritten Reich verpönt war
Am 1. Oktober wird in der Ilmenauer Eishalle eine außergewöhnliche Ausstellung eröffnet: "Das verdächtige Saxophon - Entartete Musik im NS-Staat". Sie befasst sich mit einer Ausstellung, die von den Nationalsozialisten 1938 in Düsseldorf gezeigt wurde. Die Initiatoren sind der Verein für Kulturelle Koordinierung (KuKo) und der Ilmenauer Jazzclub. Freies Wort sprach vorab mit Klaus-Dieter Fritz vom Jazzclub über die Absichten der Ausstellung.
Herr Fritz, was war das Besondere an der Ausstellung von 1938 und was sollte die Ausstellung bewirken?
Sie war eine üble Propagandaausstellung und ein Nachläufer der Ausstellung "Entartete Kunst", die 1937 in München gezeigt wurde. Der Begriff "Entartete Musik" stand für die musikalische Moderne, die der nationalsozialistischen Staatsideologie widersprach. Kulturelle Freiheit und Vielfalt im Bereich Musik sollten mittels Gleichschaltung des Musiklebens abgeschafft und durch ein "arisch-germanisches" ersetzt werden. Schon vor 1933 arbeiteten die Nationalsozialisten in Thüringen daran. Die Ausstellung ist dadurch auch eine regionale Erinnerung an eine Zeit in Thüringen, die Hunderte von Musikern und Komponisten zum Schweigen verurteilt, ins Exil, die Verbannung oder in den Tod geführt hat. Unter den Komponisten betraf es "nichtarische" Künstler wie Arnold Schönberg, Kurt Weill und Hanns Eisler, aber auch "arische" Komponisten wie Ernst Krenek, Paul Hindemith und Igor Strawinsky. Die Ausstellung hat noch heute höchste Aktualität. Sie mahnt uns, pluralistisch und liberal mit der Kunst, fremder Kultur und mit uns Menschen umzugehen.
Und wer war 1938 dafür verantwortlich?
Der Initiator der Ausstellung 1938 war Dr. Hans Severus Ziegler, seinerzeit Generalintendant des Deutschen Nationaltheaters in Weimar und strammer Nazifunktionär. Ziegler schlug Reichspropagandaminister Joseph Goebbels vor, zur Eröffnung der Reichsmusiktage in Düsseldorf diese Ausstellung zu zeigen.
(Hans Severus Ziegler war unter anderem Gauleiter der nationalsozialistischen Gesellschaft für deutsche Kultur in Thüringen. Schon 1930 hatte er mit einem Erlass für das Land Thüringen unter dem Titel "Wider die Negerkultur, für deutsches Volkstum" seine Gesinnung offenbart - Anmerkung d. Red.)
Welche Themen beinhaltet die heutige Ausstellung?
Die Originalausstellung ist ein Ergebnis wissenschaftlicher Arbeiten des Berliner Musikwissenschaftlers Albrecht Dümling und des Düsseldorfers Peter Gierth. Sie wurde rekonstruiert und wird als kommentierte Ausstellung seit 1988 gezeigt. In Ilmenau ist eine Neuauflage zu sehen, die um die Komponenten Jazz und Operette erweitert ist. Die Ausstellung ist ein wichtiger Beitrag zur Aufarbeitung nationalsozialistischer Kulturbarbarei in Deutschland. Sie soll dazu beitragen, dass deren ideologische Wurzeln heute nicht wieder leicht in jungen Köpfen Fuß fassen. Die auf Fakten basierende wissenschaftliche Aufbereitung bezieht Stellung und antwortet so auf rechte Populisten und Demagogen.
Was ist in der Ausstellung zu sehen und zu hören?
Die Ausstellung besteht aus 38 Tafeln in sechs Kapiteln und zeigt Originaldokumente. Es gibt Audio-Guides und es sind Originalfilmaufnahmen, Originalmusik und Reden aus den 30er Jahren per Video zu sehen. Unter anderem auch von Propagandaminister der Nationalsozialisten, Joseph Goebbels.
Sicher hat der Jazzclub auch ein kulturelles Begleitprogramm organisiert?
Ja, vornehmlich ein Konzertprogramm. Aber am 1. Oktober gibt es auch zwei wissenschaftliche Vorträge. Neben einem hochkarätigen Liederabend mit dem Titel "Verboten!" und einem Konzertabend mit Musik jüdischer Komponisten aus der NS-Zeit mit dem Titel "Ausgegrenzt und verfemt" gibt es auch ein Jazzkonzert mit dem Coco Schumann Quartett und ein Gespräch über das Buch "Der Ghettoswinger".
Besteht denn nicht die Gefahr, dass man die Ausstellung bei oberflächlicher Betrachtung falsch verstehen könnte?
Es ist immer möglich, etwas falsch zu verstehen. Aber ich glaube überhaupt nicht, dass die Ausstellung dazu animiert. Faksimiles der Originale von 1938 stehen neben Kommentaren und sind ausführlich erläutert. Die Ausstellung ist ja eine kommentierte Rekonstruktion und eine gründliche wissenschaftliche Arbeit dazu. Es geht darin um Fakten, nicht um Meinungsäußerungen und schon gar nicht um politische Propaganda, wie es die Originalausstellung zum Ziel hatte.
Wo wurde die "Entartete Musik" vorher gezeigt?
Zum Beispiel in New York, Chicago, Basel, Zürich, Mainz und Berlin.
Und jetzt wird sie nach Ilmenau sozusagen in die Provinz geholt. Welche Resonanz ist da zu erwarten?
Einer Stadt wie Ilmenau tut es gut, so eine Ausstellung zu sehen. Abseits aller Event- und Unterhaltungskultur, die unsere Gesellschaft vermutlich kulturell eher hemmt als voranbringt, darf man sich in einer Goethe- und Universitätsstadt auch mal damit befassen, was die Welt im Innersten zusammenhält. Solches Wissen, wie es in dieser Ausstellung vermittelt wird, trägt zur Verhältnisbildung von Menschen zu gesellschaftlichen Dingen bei. Nichtwissen dagegen produziert deren Unverhältnismäßigkeit, irrationales Handeln und Gewalt. Allein deshalb wäre eine gute Resonanz erfreulich, denn sorgfältige Reflektion gesellschaftlicher Prozesse wie in der Ausstellung ist selten öffentlich in unserer heutigen Gesellschaft. Ich hoffe, dass neben privaten Besuchern besonders die Schulen in Ilmenau und Umgebung das Angebot annehmen und mit Hilfe dieser Ausstellung diese Problematik im Unterricht thematisieren.
Das hört sich nach einem niveauvollen Kulturbeitrag für die Stadt an?
Die Frage ist ja schon ein wenig Karikatur. Aber bitte. Das kulturelle Niveau bestimmen letztlich die Stadt Ilmenau und ihre Bürger selbst. Nicht unsere Ausstellung und nicht wir. Wir unterbreiten nur ein Angebot, das angenommen werden kann. Diejenigen, die es annehmen, haben Gelegenheit, über die Gegenwart und deren kulturelle Probleme intensiver miteinander ins Gespräch zu kommen. Die Ausstellung zeigt ja deutlich, wie leicht die für uns heute selbstverständliche kulturelle Freiheit ohne ausreichende demokratische Gegenwehr von politischen Kräften abgeschafft werden kann.
Der Jazzclub Ilmenau hat bisher wenig Erfahrungen mit Ausstellungen. Wie leicht oder wie schwer war denn die Vorbereitung?
Der Jazzclub organisiert Konzerte, der Dachverband Kuko soziokulturelle Arbeit im studentischen Umfeld. Ausstellungen dieser Art gehören bei beiden nicht zum "Repertoire". Die Ausstellung bedeutet sehr viel Arbeit für die kleinen Vereine. Es waren mehrere Monate Arbeit zu leisten. Unter anderem die Technische Universität und ihr Rektor, die Stadt Ilmenau, die Sparkassenkulturstiftung Hessen-Thüringen sowie die Stadtwerke Ilmenau haben finanzielle Mittel zur Verfügung gestellt.
Gespräch: Uwe Appelfeller
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