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Eine schrumpfende Stadt mit Potenzial

Der demografische Wandel hat die Städte und Dörfer verändert und wird sie weiter verändern. Am Beispiel Bad Salzungen lässt sich nachvollziehen, wie.

  • Auf dem Schreibtisch von Bürgermeister Klaus Bohl stapeln sich Expertisen zum demografischen Wandel. F.: Matz
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Bad Salzungen - Bad Salzungen, Kreis- und Kurstadt, aktuell knapp 16 000 Einwohner, vor der Wende zirka 21 000, wird von der Bertelsmann-Stiftung, zu deren Schwerpunktprojekten der demografische Wandel gehört, Demografietyp 4 zugeordnet: schrumpfende und alternde Städte und Gemeinden mit hoher Abwanderung. Viele Orte im Osten Deutschlands fallen in diese Kategorie: Steinbach-Hallenberg, Meiningen, Zella-Mehlis zum Beispiel. Bad Salzungen steht exemplarisch für das Bemühen der Verantwortlichen vor Ort, ihre Stadt diesen veränderten Gegebenheiten anzupassen - und sie zum Vorteil der Stadt zu nutzen.

Liest man die Definition für Demografietyp 4, klingt dieses Ansinnen zunächst allerdings unrealistisch. Charakteristisch für Typ 4 "ist eine stark rückläufige und deutlich älter werdende Bevölkerung. Dieser allgemeine Trend begann bereits nach der Wende 1989/90 und wird sich auch zukünftig fortsetzen. Damit verbunden sind selektive Abwanderungen der jungen Bevölkerung, insbesondere auch von Frauen (im gebärfähigen Alter). Aufgrund der hohen Arbeitslosigkeit und der geringen wirtschaftlichen Potenziale wird der Alterungs- und der Abwanderungsprozess der besonders gut gebildeten Fachkräfte und Akademiker anhalten."

Allerdings, sagen die Experten der Bertelsmann-Stiftung, entwickelten sich die Regionen keineswegs einheitlich. "Ostdeutschland ist gekennzeichnet durch ein Patchwork von Gewinner- und Verliererkommunen [...]". Bad Salzungen möchte zu den Gewinnern gehören.

Deswegen setzt sich Bürgermeister Klaus Bohl (Freie Wähler) zum Beispiel für den Ausbau der Bundesstraßen 19 und 62 ein. Die Region soll eine schnelle Anbindung an das Autobahnnetz erhalten. Ohne Straßen, sagt er, keine Arbeitsplätze und die seien nun einmal, möchte man die Menschen in der Region halten, der wichtigste Faktor. In Bohls Büro stapeln sich Prognosen, Expertisen und Handlungsempfehlungen zum demografischen Wandel und dessen Auswirkungen.

Die Auswirkungen sind in der Stadt längst gegenwärtig. Nachdem in den vergangenen Jahren die negativen überwogen - zum Beispiel mussten Kitas geschlossen werden, weil weniger Kinder geboren wurden - zeichnet sich seit einiger Zeit trotz sinkender Einwohnerzahl eine positive Entwicklung ab. Die Stadt gewinnt für ältere, aber auch für jüngere Menschen an Attraktivität. Damit liegt Bad Salzungen im Trend. Während in den 1990er Jahren die Menschen aus der Stadt wegzogen, um sich im Umland niederzulassen, bevorzugen sie nun wieder städtische Wohnquartiere. Mehrheitlich zögen ältere Menschen aus Dörfern, in denen es keine Ärzte, Supermärkte oder Apotheken mehr gibt, nach Bad Salzungen. "Und wir richten uns auf diese Menschen ein", sagt der Bürgermeister. Zurzeit gebe es kaum freie Wohnungen in der Innenstadt.

Bad Salzungen möchte familien- und seniorenfreundlich sein. Die Kitas, früher waren es 17, heute sind es 5, haben von 6 bis 18 Uhr geöffnet. Zurzeit wird der Bedarf für eine Spätgruppe, die über 18 Uhr hinaus betreut wird, geprüft. Bis auf einen Kindergarten sind alle saniert. Es gibt Spielplätze, Jugendhäuser und ein gutes Bildungsangebot. Dennoch, sagt Klaus Bohl, seien die Einflussmöglichkeiten der Kommunen gering. Ob sich junge Familien für oder gegen Kinder entscheiden, hänge von vielen Faktoren ab, zum Beispiel von der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Ein familienfreundliches Umfeld sei ein Faktor. An dieser Stelle könne die Stadt Einfluss nehmen.

Wenn heute in Bad Salzungen Straßen und Gehwege gebaut werden, bekommen sie einen gehfreundlichen Belag. Früher sei viel gepflastert worden. Diese Wege seien für Senioren, oder für Menschen, die in ihrer Mobilität eingeschränkt sind, schwer zu passieren. Barrierefreiheit ist zu einem Grundprinzip der Gestaltung des öffentlichen Raumes geworden. Das Rathaus ist mit dem Rollstuhl erreichbar, der Haunsche Hof und die Schnepfenburgterrasse am Burgsee ebenso; die alte Inhalation wird zum barrierefreien Salzmuseum. Die Stadtbibliothek soll zertifiziert und das Keltenbad umgebaut werden - wenn das Land Fördermittel zusagt. Bislang ist die erste Etage im Saunabereich für Rollstuhlfahrer nicht zu erreichen. Drei Auszubildende der Stadtverwaltung befassen sich in einer Hausarbeit mit dem Thema barrierefreies Bad Salzungen. Problembereich bleibt der Bahnhof, dessen Gleise nur durch Treppen zu erreichen sind. Spätestens 2013 soll auch er über einen rollstuhlgerechten Zugang verfügen.

"Es ist wichtig, die Bedürfnisse älterer Menschen zu kennen", sagt Klaus Bohl. Welcher Jüngere wisse schon, dass ältere Menschen beispielsweise auf dem Weg zum Supermarkt Sitzgelegenheiten benötigten, fragt er und fügt die Erklärung gleich hinzu: "Die Schaufensterkrankheit." Zusammen mit der früheren Seniorenbeauftragten hat die Stadt ein Programm entwickelt. An stark frequentierten Wegen stehen seitdem Bänke.

Die Auswirkungen des demografischen Wandels haben das Stadtbild und die Investitionspolitik verändert. Die Zuweisungen bemessen sich nach der Einwohnerzahl: Weniger Einwohner bedeuten weniger Einnahmen, aber die Kosten sinken nicht in gleichem Maße. Straßen müssen beleuchtet und im Winter geräumt werden - egal, ob 16 000 oder 21 000 Menschen in der Stadt wohnen. Innenentwicklung geht vor Außenentwicklung lautet jetzt die Maxime. Aufwendige, große Neuerschließungen, wie es sie in den 1990er Jahren in vielen Kommunen gegeben hat, sind nicht mehr vorgesehen. Jeder neugebaute Meter Weg oder Straße zieht Kosten nach sich: für Beleuchtung, für den Winterdienst, für die Instandhaltung. Stattdessen sollen bestehende Wohngebiete aufgewertet werden. Ein Beispiel ist das Wohngebiet Allendorf, besser bekannt als "101".

Die einstige DDR-Plattenbausiedlung ist nach 1989 zum Sorgenkind der Stadt geworden. Dort, wo heute teilweise noch unsanierte sechsgeschossige Blöcke das Stadtbild prägen, soll in 10 bis 15 Jahren eine Gartenstadt mit viel Grün, Ein- und Mehrfamilienhäusern entstehen. "Das Wohngebiet hat Potenzial", befindet der Bürgermeister. Infrastruktur und Lage seien gut. Es gibt eine Kita, Schulen, Spielplätze, ein Jugendzentrum und zudem noch einen schönen Blick übers Werratal. Blöcke, die leerstehen, sollen nach und nach abgerissen werden.

Mit der Gemeinde Moorgrund, mit Tiefenort, Immelborn und Frauensee hat Bad Salzungen Maschinen und Geräte zur Pflege der Sportplätze angeschafft. Die Gemeinden nutzen sie und teilen die Kosten. Die finanzielle Lage vieler Kommunen macht Zusammenarbeit und Austausch unumgänglich. "Wir werden in der Zukunft um eine Gebietsreform nicht herumkommen", sagt Klaus Bohl. Die große Aufgabe wird sein, sie so zu gestalten, dass sich niemand als Verlierer fühlt. dia

Ein Blick in die Zukunft


    
    

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Die neuesten Kommentare

schrumpfende Stadt mit Potenzial ?

von rolando m (60) am 07.08.2011 12:12
Potenzial wäre das, was eine Umkehrung der Entwicklung ermöglicht. Aber ist dies überhaupt noch machbar? Wenn jetzt die ältere Bevölkerung aus den Dörfern verstärkt in die Städte zieht, erscheint das logisch auch mit den angeführten Begründungen. Nur auf der einen Seite führt das zur beschleunigten Entvölkerung und Verödung der Dörfer und auf der anderen Seite ist das Ganze für die Städte nur ein hinausschieben. Denn die älteren Menschen bekommen keine Kinder mehr und werden irgendwann nicht mehr da sein.
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