zuletzt bearbeitet: 18.02.2012 09:23 Uhr
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Ein alter Herr beeindruckt junge Leute
Wie überzeugt man Schüler, dass rechtsradikales Denken nicht akzeptabel ist? Eine Lehrerin hat ihre zehnte Klasse mit einem KZ-Überlebenden zusammengebracht.
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In einem Konferenzraum des Thüringer Landtags trafen die Schüler aus Unterbreizbach mit dem Überlebenden des Konzentrationslagers Buchenwald zusammen.
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Gabriele Hörschelmann ist es wichtig, ihren Schülern den Zusammenhang von Geschichte und Gegenwart zu vermitteln. Foto: Beate Funk
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Bertrand Herz. Foto: dpa
Unterbreizbach - "Gerade jetzt, wo wir uns demokratisch so sicher fühlen, der Schock mit dieser rechten Zwickauer Terrorzelle", sagt Gabriele Hörschelmann, Leiterin der Regelschule Unterbreizbach. Eine Nachricht, die man im Unterricht nicht ausblenden dürfe, befindet sie. Ein Thema, das man so an Schüler herantragen müsse, dass sie sich wirklich damit beschäftigen. "Wir schimpfen ja immer, dass unsere Schüler nicht mehr zu begeistern sind. Das stimmt aber nicht", sagt die Geschichts- und Englischlehrerin. "Man muss ihnen einfach Angebote machen." Das hat die 51-Jährige, die in einer Art redet, dass sie Zuhörer begeistern kann, auch in dieser Sache erfolgreich getan. Als Bertrand Herz, Überlebender des Konzentrationslagers (KZ) Buchenwald, vor Kurzem in Erfurt war, nutzte sie die Gelegenheit, ihre zehnte Klasse mit dem 1930 in Paris geborenen Juden zusammenzubringen.
In einem Konferenzraum des Thüringer Landtags trafen die Unterbreizbacher gemeinsam mit Schülern aus Schkölen auf den Zeitzeugen - was sie nachhaltig beeindruckte. Während der 81-Jährige sich vorstellte, wobei er sich mehrfach entschuldigte, dass er eine Dolmetscherin bemühen muss, habe eine besondere Atmosphäre geherrscht, "getragen von Stille, von Respekt", schildert Gabriele Hörschelmann. Die jungen Leute seien sich der Ernsthaftigkeit des Themas, zu dem sie Bertrand Herz gleich Fragen stellen durften, wohl bewusst gewesen. "Die Schüler waren total beeindruckt von diesem freundlichen alten Herrn, der mit 14 deportiert wurde."
Bertrand Herz war 1942 mit seinen Eltern und seiner Schwester vor der Verfolgung durch die Nazis aus Paris nach Toulouse geflohen - wo die deutsche Gestapo die Familie am 5. Juli 1944 wegen ihrer jüdischen Herkunft verhaftete. Seine Schwester und seine Mutter wurden nach Ravensbrück verschleppt, er und sein Vater nach Thüringen deportiert - in einem Zug mit französischen Widerstandskämpfern, darum war das Ziel dieses Transports das KZ Buchenwald und nicht das Vernichtungslager Auschwitz/Birkenau. Ab Dezember 1944 mussten Herz und sein Vater im KZ-Außenlager in Niederorschel Zwangsarbeit leisten. Der Vater kam dort im Januar 1945 um. Er selbst kam am 10. April zurück nach Buchenwald, wo er einen Tag später die Befreiung erlebte. Ende April 1945 traf er in Paris seine Schwester wieder. Seine Mutter hatte das KZ Ravensbrück nicht überlebt.
Ihre Schüler hätten die Chance, Bertrand Herz zu befragen, gern genutzt, "sofort losgelegt mit Fragen - es gab nicht mal diese Peinlichkeitspause", berichtet Gabriele Hörschelmann. "Als Erster wollte Lucas wissen, ob es so etwas wie Mitleid gegeben hat, unter den Wachmannschaften, unter der SS." Darauf habe Bertrand Herz eine Szene vom Abtransport von Toulouse nach Buchenwald geschildert: Es war Sommer, die Hitze unerträglich - erst recht in den Viehwaggons, in denen die Franzosen eingepfercht seit sechs Tagen Richtung Deutschland unterwegs waren - ausgehungert, quälender Durst. Eine Deutsche, die Mitleid hatte, brachte den am Bahnhof wartenden Häftlingen einen Schinken - den ihr ein SS-Mann wegnahm mit den Worten: "Juden fressen kein Schwein". Eine Episode, die auch die Lehrerin erschütterte. "Juden fressen kein Schwein - das sind die einzigen Worte, die Bertrand Herz von unserer deutschen Sprache, die auch Goethe, Schiller, Heine gesprochen haben, geblieben sind", sagt sie traurig.
Der KZ-Überlebende erzählte den Jugendlichen aber auch von Menschen, die Zivilcourage bewiesen haben, wie seine französischen Mitschüler, die aus Solidarität zu ihm einen Judenstern aus Papier an ihre Mäntel hefteten. Und er erzählte von einem Kapo, der den Marsch vom Außenlager Niederorschel organisierte - und immer wieder verzögerte, um nicht zu zeitig im Hauptlager Buchenwald anzukommen, womit er die Häftlinge davor bewahrte, auf den Todesmarsch geschickt zu werden.
Besonders beeindruckend sei gewesen, dass der alte Herr trotz allem nicht verbittert sei. Auf die Frage einer Schülerin, ob er Groll gegen die Deutschen hege, habe er lächelnd geantwortet: Hass hege er nur gegen die Täter - und an die jungen Menschen appelliert, wachsam zu sein. Er habe sie aufgerufen, im täglichen Leben jede Form von Ausgrenzung aufgrund der Herkunft, der Religion zu bekämpfen. "Die junge Generation wachzurütteln, sie für die Errungenschaften der Demokratie zu sensibilisieren, das ist auch die Mission, in der der 81-Jährige unterwegs ist", sagt die Lehrerin. Und sie ist froh, dass er die Gelegenheit hatte, ihren Schülern seine Geschichte zu erzählen. "Wir wussten, dass wir leiden würden", hatte er auf die Frage einer Schülerin, ob er am Tag seiner Deportation ahnte, was ihn erwartet, geantwortet.
Tief beeindruckt und nachdenklich seien die Schüler auf der Rückfahrt von Erfurt gewesen, "viele hat das Gehörte nicht losgelassen". Am nächsten Tag, im Geschichtsunterricht, hätten sie noch einmal darüber gesprochen. Und die Lehrerin war positiv überrascht, über welche Geschichtskenntnisse die Mädchen und Jungs über Nacht verfügten: "Viele haben gegoogelt, um sich zusätzliche Informationen über die Person Bertrand Herz, aber auch über die Zeit zu beschaffen". Eine Unterrichtsstunde, in der viel geredet worden sei, in der Emotionen eine große Rolle spielten - und in der der Bezug zu heute, zur Neonazi-Zelle, die über Jahre unbehelligt in Deutschland mordete, hergestellt wurde.
"Ich finde es ganz wichtig, dass Jugendliche mit solchen Dingen konfrontiert werden", sagt Gabriele Hörschelmann. Sie erlebe dabei "nachdenkliche junge Menschen, die Position beziehen", was gut so sei. "Irgendwer hat mal gesagt: 'Wer in der Demokratie schläft, wacht in der Diktatur auf.'" Ein weiser Spruch, befindet sie - und hält es deshalb für wichtig, dass Schüler der Oberstufe mindestens einmal im Jahr eine Gedenkstätte "der beiden Diktaturen - Drittes Reich und DDR-Geschichte" besuchen. bf
Gabriele Hörschelmann ist seit 29 Jahren Lehrerin aus Leidenschaft: "Dieser Beruf hat mich immer glücklich gemacht", sagt sie.
Viele Jahre war sie an der Regelschule Merkers, später Tiefenort. Seit
1. Dezember 2011 ist sie Leiterin der Regelschule Unterbreizbach. Die 51-Jährige unterrichtet Geschichte und Englisch.
Von 2009 bis 2011 arbeitete sie auf Abordnung des Kultusministeriums bei der Point-Alpha-Stiftung in Geisa. Ihr Auftrag war, ein Bildungskonzept für die Gedenkstätte zu erarbeiten. Das ist ihr gelungen. Außerdem hat sie in dieser Zeit mehrere große Schülerprojekte organisiert und an der neuen Akademie in Geisa referiert. Diese eineinhalb Jahre seien für sie "eine tolle Zeit" gewesen. Genauso gern sei sie in den Schulalltag zurückgekehrt, mit vielen Ideen, die Jugendlichen zu motivieren. "Die Schüler haben sich in den letzten 20 Jahren verändert, und wir kommen nicht umhin, uns dieser neuen Situation anzupassen. Es reicht heute nicht mehr, nur intelligent organisiertes Wissen zu vermitteln", sagt sie. Neue Lehrformen, Projektarbeit, Lernen am anderen Ort - das alles seien Dinge, die, wenn sie gut organisiert sind, "eine win-win-Situation für alle Beteiligten" ergäben. "Allerdings bin ich auch ein Gegner davon, gedankenlos auf jeden neuen Zug aufzuspringen."
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